Blogpaten: In unseren Blogs veröffentlichen wir Gastbeiträge zu öko-sozialen Themen und verbreiten diese Inhalte über unser Netzwerk.
Meine Frage an Heiko Kunert:
Welchen Personen oder Medien würdest Du gern einmal von Deinen Themen erzählen, damit sie darüber berichten oder gar etwas verändern?
Antwort von Heiko Kunert:
Ich würde gern mal vor möglichst vielen deutschen Arbeitgebern darüber sprechen, dass sehbehinderte und blinde Menschen genauso gut arbeiten können wie Nichtbehinderte und sie eine große Bereicherung für eine Belegschaft sein können. Und ich wünsche mir, dass die mediale Berichterstattung über Sehbehinderung und Blindheit stärker widerspiegelt, dass die überwiegende Mehrheit der Betroffenen im Senioren-Alter ist. Erst dann schlagen die meisten Erkrankungen (z.B. Makula-Degeneration) zu. Stattdessen fragen die meisten Journalisten bei mir nach jungen, schönen Vollblinden – diese sind fotogener, und ganz blind lässt sich in weniger Zeilen beschreiben als z.B. das langsame Nachlassen des schärfsten Sehens.
Wenn Ihr ebenfalls Fragen an Heiko Kunert habt: formspring Heiko !

Dorothea (72), Sabine (45), Theresa (73), Vroni (45), Stephan (55) und Wolfgang (51) leiden unter Multipler Sklerose und leben in einem Pflegeheim. Auf der offenen Plattform geben sie Einblicke in ihren Alltag und in ihre Gedanken und Gefühle. Hier geht es zum – Teil 1 - , – Teil 2 – , – Teil 3 – , – Teil 4 – , – Teil 5 - ihres Berichtes. Wir wünschen uns, dass eine Veröffentlichung im Internet vielleicht ein klein wenig dazu beitragen kann, dass dieses Thema mehr ins öffentliche Blickfeld rückt. Begleitet wurden die Autoren von Angela Gröschl-Eigenstetter, Sozialpädagogin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, die mir in einer E-Mail schreibt, wie alles begann:
Hier möchte ich Ihnen nochmals schildern, wie dieser ungewöhnliche Bericht entstanden ist. Gleichzeitig zeigt diese Entstehungsgeschichte auch auf, zu welch wunderbaren Ergebnissen die Vernetzung (die menschliche und auch die im Internet) führen kann – obwohl ich alles andere als Computerfreak bin.
Da ich seit 1992 mit schwerstbetroffenen MS-Patienten arbeite (Gesprächsgruppe und beratende bzw. therapeutische Einzelgespräche als Sozialpädagogin und Familientherapeutin, seit 1997 auch SOWI-Therapie und seit 2006 teils auch Hypnosearbeit), die in einem Pflegeheim in Oberbayern leben, begebe ich mich manchmal ins Internet, um zum Thema MS zu recherchieren. So stieß ich auf die Seite von Annette Uthoff www.ms-na-und.de. Ich sandte Ihre eine kleine Mail, als Anerkennung für ihre schöne Seite – sie antwortete sofort “freudestrahlend” über die Anerkennung, die ihrer Seele gerade eben so gut tat. So entstand zunächst ein sehr interessander fachlicher Austausch – Annette hat als Lehrerin für autogenes Training, dieses Verfahren “MS-gerecht” gemacht – und schließlich entwickelte sich eine gegenseitig befruchtende Internetfreundschaft. Annette berichtete mir u.a. von ihren teils frustigen Erfahrungen mit MS-Gruppen, die ihrer Psyche häufig eher belasteten, als sie zu entlassten.
So bot ich ihr an, doch nach Bayern in “meine” MS-Gruppe ins Pflegeheim zu kommen, um mal etwas ganz anderes und Besonderes kennen zu lernen. Natürlich hatte ich das vorher mit der MS-Gruppe besprochen und die fanden es super, mal Besuch zu bekommen. Annette kam tatsächlich im Juni 2008 in die Gruppe ins Pflegeheim und war so bewegt und erstaunt, dass sie darüber eine Bericht in ihrer homepage schrieb: “Wie sehen Erfolge der SOWI-Therapie aus?”
Natürlich habe ich diesen Bericht ausgedruckt, um ihn der MS-Gruppe vorlesen zu können. Auf dem Weg zum Pflegeheim wurde mir plötzlich bewusst, dass ich selbst in meiner eigenen homepage zwar über die SOWI-Therapie berichte und meine Seminare ankündige, jedoch noch nie über meine Arbeit und Erfahrungen im Pflegeheim berichtet habe – bis heute hab ich es nicht geschafft. Ich dachte mir: “Muss erst Annette kommen aus dem hohen Norden um mich selbst daran zu erinnern über meine sicher ungewöhnliche, aber extrem intensive Zusammenarbeit mit den schwerbetroffenen Menschen im Pflegeheim zu berichten?” So entschloss ich mich also der Gruppe anzukündigen, dass ich über kurz oder lang etwas über unseren gemeinsamen Weg berichten möchte – auch die Bedeutung der SOWI-Therapie in diesem Zusammenhang. Als ich jedoch schließlich das Pflegeheim betrat wurde mir schlagartig bewusst, dass es nicht mein Job ist über die Gruppe zu berichten, sondern dass es alleine die Sache der Gruppe ist, über sich selbst zu erzählen, ihre Erfahrungen, ihren Weg, ihr Schicksal …. was auch immer …. egal!!!
Es wurde mir schlagartig bewusst, dass es die Gruppe ist, die für sich selbst sprechen kann und muß und gleichzeit war mir auch schon klar, dass das etwas ganz besonderes und außergewöhnliches werden würde. Im Grunde habe ich vom ersten Gedankenblitz an nicht gezweifelt, dass dieses Projekt gelingen wird – schließlich kenne ich jeden Teilnehmer aus der Gruppe und weiß, was sie zu sagen haben.
Die Gruppe erklärte mich mich natürlich erst mal für verrückt. Was hätten sie schon zu berichten, wen würde das schon interessieren und überhaupt, wozu etwas schreiben, was niemals jemand lesen würde? Sofort bot ich meine homepage als “Plattform” an – trotz aller Unkenrufe – ich sah das Leuchten in den Augen der Leute, das erste noch etwas zaghafte aber schon stolze Lächeln auf den Lippen des einen und der anderen. Klar – die Gruppe hatte Feuer gefangen.
Es sollte uns viel Schweiß und Mühe kosten.
Monatelanges Arbeiten – es wir ein ganzes Jahr. Die Gruppe diktiert, ich schreibe mit, bringe zuhause alles zu Papier (in den PC). Es wird wenig verworfen, aber vieles neu formuliert. Die Lebensgeschichten werden reflektiert. Wir lernen uns nochmal ein Stück näher kennen und erfahren, dass das, was Menschen brauchen um ihr Leben im Pflegeheim neu gestalten zu können, offenbar sehr Ähnliches ist. Natürlich ein gutes Heimkonzept – klar – aber vorallem freundliche und wohlwollende Menschen. Natürlich gute Pflege – klar – aber auch die Seele braucht Unterstützung! Darüber kann die Gruppe berichten. Die Gruppe erkennt immer mehr, dass das nicht übel ist was da entsteht. Ich bin begeistert und wahnsinnig Stolz darauf, was ich da im Auftrag der Gruppe zu Papier bringen kann.
Engagement für Andere – der Bericht soll jenen Helfen, die ggf. vor der Angst stehen, in ein Pflegeheim zu müssen. Uns ist klar, dass die Bedingungen in den Heimen sehr unterschiedlich sind!!! Gibt es andere Häuser, wo es therapeutische Einzel- und Gruppenangebote gibt? Das wäre spannend zu erfahren – auch hierzu Rückmeldung zu bekommen.
Es wird mir und uns immer mehr bewusst, das man damit an die Öffentlichkeit gehen muss. Zeitungen? Fachjournale? – noch keine rechte Ahnung – wir werden sehen. Klar ist: “Wir nutzen das Internet”. Kaum auf meiner Seite veröffentlicht, hat Annette Uthoff und Birgit Sonnenschein den Bericht mit Zustimmung der Gruppe in Ihre Seite übernommen bzw. verlinkt. Danke.
Und jetzt kommt noch das Angebot von www.offene-plattform.de – tausend Dank
und ganz herzliche Grüße
Angela Gröschl-Eigenstetter (www.sowi-rosenheim.de)