Seminare und der Rest der Welt - oder wie man Lehrveranstaltungen öffnet
Dies ist ein Gastbeitrag von Christian Spannagel.
In der Regel sind Seminare an Hochschulen nicht gerade die spannendsten Veranstaltungen:
Jede Woche hält ein Teilnehmer einen vorbereiteten Vortrag zu einem Aufsatz, den er von dem Dozenten bekommen hat. Alle anderen sitzen oft nur ihre Zeit ab und nehmen inhaltlich kaum etwas mit. Darüber hinaus ist das Ganze oft sehr theoretisch und ohne Praxisbezug - “es ist ja auch kein Praktikum”. Aber dann darf man sich als Dozent auch nicht über Motivationsprobleme wundern. Die Frage steht im Raum: Theorie - aber wozu? Für irgendeine Situation, die irgendwann in der beruflichen Zukunft liegt? Auf Vorrat lernen funktioniert nicht, das weiß jeder.
Wie wäre es aber, wenn Studierende in echte Praxisprojekte involviert wären und die Theorie bräuchten, um in dieser Situation kompetent handeln zu können? Die Theorie wäre Werkzeug zur Lösung echter Probleme. Wohlgemerkt - echter Probleme, nicht “künstlich erzeugter Projektprobleme”. Und wie wäre es, wenn Studierende nicht über praktische Umsetzungen philosophieren, sondern ins Feld gehen und an realer Praxis partizipieren? Diese Ideen sind natürlich nicht neu - um nicht zu sagen, uralt. Aber wer bitte macht es denn?
Eine Schwierigkeit bei der Umsetzung solcher Seminar-Welt-Kooperationen mag sein, dass die Hochschule oft ein mehr oder weniger autistisches System ist ohne direkte Bezüge zur Außenwelt. Doch wie kann man die Hochschule öffnen? Wie können spontan Kooperationen zwischen Seminaren und Personen in der Praxis entstehen?
Mein Informatikdidaktik-Seminar und ich haben gerade überraschenderweise erfahren, wie solche Kooperationen entstehen können und wie motivierend das sein kann. Eine “harmlose” Diskussion von Jean-Pol Martins Konzept “Lernen durch Lehren” (LdL) in einem Wiki entwickelte sich zu einer Kooperation mit Jean-Pol Martin, seinem Französischkurs in Eichstätt und Lutz Berger: Wir werden die Klasse besuchen fahren und eine Dokumentation drehen. Außerdem hat sich spontan eine Kooperation mit dem Referendar Nils van den Boom und seinem Informatikkurs in Bonn gebildet: Er setzt jetzt LdL in der Klasse ein, und meine Studierenden unterstützen ihn dabei bzw. bekommen von ihm Rückmeldung, was funktioniert und was nicht. Das Resultat: Lehramtsstudierende diskutieren mit Schülern über Unterrichtsmethoden und kooperieren mit einem Referendar und seiner Schulklasse. Hier verleihen die Kontakte zur Außenwelt den Teilnehmern echte Flows.
Voraussetzung dabei ist, dass man als Dozent vorab gut vernetzt ist, und zwar nicht nur mit Wissenschaftlern, sondern mit Menschen in ganz verschiedenen gesellschaftlichen Ecken. Im Bereich der Bildungswissenschaften sind dies vor allem Lehrer, Referendare, Schüler, Lehramtsstudenten, Coaches, Trainer und Personen, die sich beruflich mit Lernen und Unterrichten beschäftigen. Diese Netze muss man dann bei Bedarf aktivieren, beispielsweise, indem man Projektideen “einspeist”, konkret auf Menschen zugeht und sie bittet, sich zu beteiligen, usw. Relevante Werkzeuge sind in diesem Zusammenhang Weblogs, Wikis und Twitter. So ist beispielsweise Lutz Berger auf unser Seminar durch meine euphorischen Twitter-Beiträge aufmerksam geworden und spontan zu uns gestoßen. Jetzt macht der die Videoaufnahmen unseres Besuchs in Eichstätt.
Ein Problem dabei könnte sein, dass potenzielle Kooperationspartner über das Netz nur schwer erreichbar sind bzw. gar keine Erfahrung mit dem Internet haben. Diese brauchen Unterstützung, zum Beispiel wenn es darum geht, gemeinsam mit Studierenden in einem Forum zu diskutieren oder einen Weblog-Beitrag zu schreiben, in dem die eigenen Erfahrungen im gemeinsamen Projekt reflektiert werden. Hier ist z.B. das Angebot von Blogpaten, Gastblogger aufzunehmen, ein vielversprechender Ansatz.
Links zum Stöbern und Mitdiskutieren:
Mein Seminar: http://de.wikiversity.org/wiki/Kurs:Fachdidaktik_Informatik
Weblog-Artikel,Teil1: Über Vortragsseminare und die Dynamik des Netzes
Weblog-Artikel, Teil 2: Die Dynamik des Netzes - Fortsetzung
Forum der 11c von Jean-Pol Martin: http://www.zum.de/Foren/ldl/threads/thread748.php
Wiki von Nils van den Boom: http://emabonn.pbwiki.com/
Weblog einer Teilnehmerin: Per Aspera ad astra.
Weblog einer anderen Teilnehmerin:
Schule und Meerschweinchen - Ich werde Lehrerin! Oder Moderator?
Bericht bei Jean-Pol Martin: http://jeanpol.wordpress.com/2008/10/29/spannagel-grzega-kratky-und-die-anderen/
Bericht von Lutz Berger: LdL - Die große Anziehungskraft
Verwandte Artikel
Diesen Artikel kommentieren oder den Feedreader abonnieren.
Die Trackback-URL zu diesem Beitrag ist: http://www.bloggerpatenschaften.de/seminare-und-der-rest-der-welt-oder-wie-man-lehrveranstaltungen-offnet/trackback/





[...] Seminare und der Rest der Welt - oder wie man Lehrveranstaltungen öffnet [...]