Blogpaten: In unseren Blogs veröffentlichen wir Gastbeiträge zu öko-sozialen Themen und verbreiten diese Inhalte über unser Netzwerk.
Dies ist ein Gastbeitrag von Marc Boos. Er ist Online-Redakteur beim Deutschen Caritasverband e.V.
Woran lässt sich der Erfolg eines Webprojektes messen? Die nackten Zahlen und harten Fakten allein sind es nicht. Zu diesem Schluss komme ich beim Rückblick auf ein Jahr „Mitten am Rand“. Das erste bundesweite Blogprojekt der Caritas besuchten rund 130 Personen täglich, im Schnitt lasen sie drei Artikel. Das klingt nach Nische und ist es auch. Dennoch war das Blog etwas Besonderes in der deutschen Weblandschaft.
25 Autorinnen und Autoren erzählten in 600 Einträgen, wie es sich anfühlt, als ehemaliger Junkie oder Häftling wieder Anschluss ans „normale“ Leben zu finden. Wie es ist, wenn bereits in der Monatsmitte der Geldbeutel leer ist oder der Suchtdruck einen täglich neu auf die Probe stellt. Berichte vom Rand unserer Gesellschaft. Manchmal sperrig und kantig, stets jedoch eines: echt und authentisch. 345 Kommentatoren haben das so gesehen, zollten den Autoren ihren Respekt, machten ihnen Mut und dankten für den Einblick in eine für sie fremde Welt.
Teilhaben an der Gesellschaft statt zuschauen
Hier beginnt sich der Erfolg des Projektes abzuzeichnen. Das Blog ermöglichte Begegnungen zwischen Menschen, die im Alltag aneinander vorbeigehen. Der Autor und ehemalige Junkie Rainer S. formuliert das so: „Teilnahme ist eine Sache, die man auch alleine machen kann. Teilhabe aber setzt ein Gegenüber voraus. Also vielen Dank dafür, dass Sie mir hier eine Teilhabe ermöglicht haben.“ Dem Streetworker Thorsten Bathe ging es ähnlich. Er schreibt: “Meine Einträge habe ich wie eine Flaschenpost ins Meer geworfen, nicht wissend, an welchem Ufer sie stranden, aber hoffend, dass – wer immer sie liest – meine Berichte versteht. Die Bewertungen und Kommentare legen mir das nahe.“
Fast alle Autoren wurden anfangs von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern begleitet. Auch das ein Unterschied zu anderen Projekten im Netz. Die Entscheidung war richtig, denn die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und den Schritt, das öffentlich zu machen, haben nicht alle gepackt. Zwei Autorinnen mussten mit dem Schreiben aufhören, wurden in dieser Situation aber aufgefangen durch ihre Kontaktpersonen.
Weblog als Quelle der Selbstreflexion
Die meisten brauchten die Unterstützung aber bald nicht mehr und nahmen für sich und ihre Entwicklung viel mit. Rainer S. schreibt dazu: „Es gibt wenige Therapeuten (sehr oft waren es Nachtdienstler), die einem etwas mitgeben können. Wenn ich so zurückblicke, war dieses Tagebuch für mich besser als etliche therapeutische Gespräche.“
Von handschriftlichen Texten zum eigenen Blog
Faszinierend war und ist die Entwicklung von MuseSuse, einer Lebenskünstlerin und Verkäuferin von Straßenzeitungen in Jena. Die Redakteure ermutigten sie, ihre Texte auf Mitten am Rand zu veröffentlichen. Sie tippten das Handschriftliche ab und mailten es an die Blogredaktion. Mittlerweile hat sich MuseSuse von einer Freundin beibringen lassen, wie man einen Computer bedient und füllt nach dem Ende des Caritas-Projektes ihr eigenes Weblog: „Das Leben festzuhalten, etwas auf den Punkt bringen, sich im Tagebuch frei schreiben, ist für mich wie Medizin ohne Nebenwirkungen.“
Bessere Vernetzung ist das Ziel für künftige Caritas-Blogs
Mitten am Rand war Teil der Caritas-Kampagne „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft“. Die endete im Dezember 2009 und damit auch das Blog. Das Fazit fällt positiv aus, das vorsichtige Herantasten ans Web 2 ist gelungen. Allerdings wurde deutlich, wie aufwändig es ist, ein Blog in dieser Qualität zu betreiben. In diesem Jahr mischt sich die Caritas in die politische Diskussion über soziale Ausgrenzung und Armut ein. Experten kommentieren aktuelle Entwicklungen. Das Ziel ist klar: Das Blog muss sich noch besser mit anderen Auftritten vernetzen. Denn im Kampf gegen Armut müssen alle etwas unternehmen. Wer dazu Ideen hat, kann diese hier gerne posten.
P.S.: Sigrid H., eine Autorin aus dem Blog Mitten am Rand, ist auch dieses Jahr wieder dabei. Sie schildert sehr beeindruckend, wie sie ihr Leben am Rand des Existenzminimums meistert.
Links
Blog Mitten am Rand – http://blog.soziale-manieren.de
Blog Zeropoverty – http://blog.zeropoverty.de
Twitter-Account Zeropoverty – http://twitter.com/zeropoverty_de
Caritaskongress Workshop zur Teilhabe im Internet – http://www.caritas-kongress.de/64385.html#Workshop%203.2
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Trackback uberVU - social comments
- Am 17. Februar 2010 um 20:16
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Brigitte Reiser
- Am 18. Februar 2010 um 20:16
Ja, das Blog ‘Mitten am Rand’ war etwas ganz Besonderes. Menschen wurden zu öffentlichen Autoren, von denen man ansonsten nur wenig selbstproduzierte Inhalte hört und liest. Schade, dass das Projekt (aufgrund fehlender Mittel?) nicht fortgeführt werden konnte. Man hätte das Ganze institutionalisieren können. Das Blog-Ende wirkt etwas abrupt und etwas funktionalistisch nach dem Motto: wir beginnen jetzt eine neue Kampagne, deswegen muss man die alte Kampagne und das alte Blogpojekt einstellen (obwohl knappe Budgets ein nachvollziehbarer Grund wären).
Weshalb hat man nicht versucht, für dieses Empowerment-Projekt noch andere Träger/Unterstützer zu finden. Denn die Idee, dass Menschen von ‘mitten am Rand’ berichten ist so gut und wichtig, dass man ein solches Projekt erfinden müsste, hätte die Caritas das nicht schon gemacht.
Wichtig ist die Unterstützung der Autoren durch Sozialarbeiter und das ist es dann wohl auch, was Kosten verursacht. Die Caritas hat gegenüber jeder anderen und neuen Initiative, die ein ähnliches Projekt plant oder durchführt, den Vorteil einer solchen professionellen Unterstützung der Blogautoren, – gerade deshalb ist es so schade, dass das Projekt eingestellt wurde, zu dem noch neue Autoren hätten stoßen können.
Ist hinsichtlich der Fortführung des Blogs verbandsintern wirklich und definitiv das letzte Wort schon gesprochen?
InaMS
- Am 18. Februar 2010 um 20:16
@Marc, wo sind eigentlich die Tweets von @Mitten_am_Rand geblieben?
Marc Boos
- Am 18. Februar 2010 um 20:16
@InaMS
Für uns ist Zeropoverty die inhaltliche Weiterführung von Mitten am Rand. Unser Beitrag zum europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung. Deshalb haben wir den Twitter-Account von Mitten am Rand umgeswitcht auf @zeropoverty_de. Da findest du also auch die alten Tweets.
InaMS
- Am 18. Februar 2010 um 20:16
@Marc
Danke.
wie schätzt Du denn den Bedarf ein, den es braucht für solch ein Projekt? Wie war die Verteilung? 50% / 50% Sozialarbeiter / redaktionelle Betreuung oder ein anderes Verhältnis?
Marc Boos
- Am 19. Februar 2010 um 20:16
Der Aufwand vor Ort lässt sich nur schwer beziffern. Ich weiß von einer Kollegin, die eine Wohnungslose in dem Projekt betreute und pro Beitrag bis zu einer Stunde investiert hat.
Hinzu kamen viele Gespräche und noch viel mehr Motivationsarbeit. Natürlich hat sie das bewusst getan, denn die Arbeit am Webtagebuch war bei einigen Autorinnen und Autoren letztlich auch eine Form der Therapie und Aufarbeitung ihrer aktuellen Situation. Dennoch ist es ein erheblicher Mehraufwand, der so in der alltäglichen sozialen Arbeit nicht eingeplant ist.
Kein Text ging unredigiert ins Netz. Diesen Anspruch hatten wir. Zum einen als Schutz für die Autorinnen und Autoren. Wir wollten vermeiden, dass sie durch eine allzu große Offenheit im Blog irgendwelche Probleme bekommen. Zum anderen war uns wichtig, dass sich die Texte gut lesen lassen. Deshalb haben wir zum Beispiel Textpassagen nach vorne gestellt, um einen interessanteren Einstieg zu bekommen. Überschriften, Zwischentitel, Anreißer, Teaserfotos, …all das kam nicht von den Autoren und musste von der Redaktion erledigt werden. Bei 600 Einträgen im Jahr ist das ein erheblicher Aufwand. (Ich bin davon überzeugt, dass diese redaktionelle Aufbereitung ein weiterer Erfolgsfaktor war. Würde mich interessieren, ob da jemand anderer Meinung ist.) Letztlich ist das auch der Grund, liebe Frau Reiser, weshalb so etwas auch in der Caritas derzeit nur als zeitlich begrenztes Projekt möglich ist.
Auch ist der Verband aus meiner Sicht noch nicht ganz so weit, diese „neue“ Form des Empowerments als Chance und Aufgabe zu begreifen. Das Blog war ein Experiment und es wurde von einer kleinen Gruppe getragen. Allerdings sind wir an diesem Thema dran und haben als Deutscher Caritasverband gerade gestern mit Partnern aus Österreich, Italien und Luxemburg einen Antrag auf eine Lernpartnerschaft gestellt, die vom EU-Grundtvig-Programm gefördert werden soll. Schwerpunkt ist da die Frage, wie soziale Organisationen das Web 2.0 nutzen können.
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