Memoro

Ein kleiner Junge, der noch 2 Wochen nach Kriegsende in Straßenkleidung zu Bett geht, weil er nicht glaubt, dass die Bombennächte mit Sirenen im Luftschutzkeller tatsächlich vorbei sind, eine junge Frau, die täglich zwischen Ost- und Westberlin pendelt und sich beim Beginn des Mauerbaus plötzlich von einer Sekunde zur andern entscheiden muss, ob sie zurückgeht oder im Westen bleibt, ein Mädchen, das im Luftschutzbunker verschüttet wird und die Nacht davor genau davon geträumt hatte.
Geschichten, so unterschiedlich wie die Menschen, die sie erzählen, Menschen, inzwischen alt geworden, mit Erfahrungen, die wir uns heute oft gar nicht vorstellen können.
Memoro ist ein Projekt, das diese Geschichten sammelt und im Internet in Form von kurzen Filmen zur Verfügung stellt. Begonnen hat es Ende 2007 in Italien, inzwischen gibt es ähnliche Datenbanken auch in Japan, Deutschland, Frankreich, Argentinien, USA und Spanien.
Ich spreche mit Nikolai Schulz, der das Projekt in Deutschland aufgebaut hat und auch die deutsche Website betreut. Er hatte in einem Spiegelbericht davon erfahren und sich spontan für die Idee begeistert. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits 20 Jahre in der IT-Branche gearbeitet, Computervertrieb, Programmierung, Service, etc. und war gerade dabei, sein Leben neu zu sortieren. Reisen nach Indien, die eigene spirituelle Weiterentwicklung, Yoga- und Computerkurse für Senioren sind seine neuen Aufgabenbereiche. Und seit gut einem Jahr gehört jetzt auch das Memoroprojekt dazu, das er z.Z. noch überwiegend im Alleingang und ehrenamtlich organisiert. Über den vor kurzem gegründeten gemeinnützigen Verein können Spendengelder für geplante Projekte gesammelt und Kooperationen z.B. mit Bildungsinstituten eingegangen werden.
Woher kommen nun die Beiträge, wie findet er die Leute, wie ist er vorgegangen, als er sich entschloss, auch in Deutschland die Erfahrungen der über 65jährigen, der “Alten” zu sammeln?
“Zuerst habe ich ganz direkt Menschen hier in München auf der Straße angesprochen. Die dachten natürlich erst, ich will ihnen was andrehen oder bin von den Zeugen Jehovas oder einer Sekte. Das war nicht so einfach, viele waren sehr skeptisch. Ich habe auch einen Flyer entwickelt, der das Projekt vorstellt und zum Mitmachen anregen soll. Und natürlich habe ich Senioren aus meinen Yogakursen, aus dem Verwandten- und Freundeskreis und anderen Netzwerken angesprochen, um wenigstens mal die ersten 20-30 Clips für die Homepage zu haben. Inzwischen sind es rund 260. Es können auch eigene Filme hochgeladen werden, das wird aber bisher noch nicht so genutzt.”
Wenn man erfährt, dass ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter täglich über eine Stunde durch Berlin zum Geschäft der Großmutter gelaufen ist, dass sich auch schon in den 50er Jahren Berliner Jugendliche mit besonderen sprachlichen Ausdrücken von den Erwachsenen abgegrenzt und damit natürlich auch provoziert haben oder dass bei Lebensmitteln die Preise nach dem zweiten Weltkrieg für Mehl und Zucker im Gegensatz zu vielem anderen heute fast noch genauso sind wie damals, dann wird Geschichte lebendig und erfahrbar, die Gegenwart mit ihren Problemen, Krisen, Schwierigkeiten relativiert sich und gleichzeitig ist durch das Internet dieses Wissen jederzeit und weltweit verfügbar. Um die Verklärung z.B. der Nazizeit oder des Krieges allgemein zu verhindern, werden die Beiträge erst geprüft und dann freigeschaltet. Für Suchanfragen werden sie anschließend noch verschlagwortet und in Kategorien wie Geschichte, Bildung und Arbeit oder Orte thematisch zusammengefasst.
Dadurch dass nur die erzählende Person gezeigt und teilweise aus privaten Notizen vorgelesen wird, wirken die Filme hin und wieder etwas statisch und mitunter vielleicht auch langweilig, gerade bei Themen, zu denen man keinen direkten Bezug hat. Da sind dann auch 5-10 Minuten schon zu lang, und man fühlt sich verdammt an die alte Urgroßtante in der eigenen Verwandtschaft erinnert, die bei jeder Familienfeier wieder mit den gleichen “ollen Kamellen” ankam. Beim italienischen Team werden daher zur Auflockerung auch schon mal das ein oder andere Originalbild von damals, Geld, Lebensmittelmarken u.ä. während des Erzählens gezeigt. “Ich habe ja durch dieses Projekt überhaupt erst mit dem Filmen angefangen, also gerade mal rund ein Jahr Erfahrung, teilweise habe ich auch schon Fotos, Musik, Ausweise und Musikinstrumente integriert. Wichtig ist mir jedoch das Authentische an den Geschichten, die Menschen selbst, ihre ganz persönliche Erzählweise, der Dialog und das Gespräch mit ihnen.”
Geplant sind daher in Zukunft verstärkt Projekte mit Schulklassen, Jugendliche, die z.B. zu einem bestimmten Thema ihre eigenen Großeltern befragen und filmen und so aktiv einen “Generationendialog” führen. Zu fragen “du, wie war das damals eigentlich, erzähl doch mal” ist ja oft die Grundlage für ein besseres Verständnis und respektvolles Aufeinander zugehen. Teilweise gibt es inzwischen junge Leute, die mitmachen wollen und selbständig Projekte entwickeln. So will z.B. eine Schulklasse spanische Migranten in München interviewen und damit zu einem besseren Miteinander beitragen. Wichtig sind dabei vor allem natürlich die Lehrer als Vermittler. Da Projektarbeit aber generell sehr arbeitsintensiv ist und Aufgeschlossenheit im Hinblick auf neue Techniken und Arbeitsweisen erfordert, sind derzeit viele leider noch skeptisch und eher zurückhaltend.
Was ist das Besondere an diesem Projekt, was reizt ihn daran und wie kann sich diese Idee weiterentwickeln?
“Mein Vater war im Auswärtigen Amt tätig und wurde von dort an verschiedene Botschaften versetzt, dadurch lebte ich selbst 18 Jahre im Ausland. Daher reizen mich auch die Möglichkeiten des Projektes, die gerade durch die Internationalität entstehen. Wir planen z.B. Filme auszutauschen und die Originalbeiträge jeweils zu untertiteln. In Spanien sind bereits 18 katalanische Schriftsteller zu ihrer Kultur befragt worden, weitere sollen folgen, oder ein spezielles Ereignis wie ein Angriff deutscher Soldaten in Italien soll aus der Sicht sowohl von italienischen als auch deutschen Zeitzeugen erzählt werden. Das ist für mich dann gelebtes Europa und länderübergreifende Kooperation.”
Amerikaner, die sich Berichte von der Zerstörung Dresdens ansehen, Chinesen, die anhand eines Clips die Feinheiten des bayrischen Dialektes kennenlernen, Jugendliche, die erfahren, wie mühsam damals eine Reise nach Italien war oder im Gespräch erkennen, dass ihre Großmutter ja ein richtig aufmüpfiges junges Mädchen war - ein Dialog über Länder- und Altersgrenzen hinweg, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf spielerisch-ernste Weise miteinander verknüpft, zugegeben, eine faszinierende und tollkühne Vision, die hier umgesetzt wird. Mal sehn, ob sich Nikolai Schulz in 20 Jahren vielleicht in einem Clip an die Anfänge und die weitere Entwicklung von Memoro erinnern wird.
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