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Heiko Kunert ist blind. Heute möchte er nicht mehr auf das Internet verzichten. In einem Gastbeitrag schildert er seinen Weg ins Web.

Aus den PC-Lautsprechern dringt eine künstliche Stimme. Auf einer Leiste vor der Tastatur tauchen erhabene Punkte auf und verschwinden wieder. Ich bin blind und arbeite mit dem Computer. Ein so genannter Screenreader wandelt den Bildschirm-Inhalt so um, dass er von der Sprachausgabe und der Braillezeile wiedergegeben werden kann. Diese Hilfsmittel machen es möglich, dass ich selbstständig mit Word oder Excel arbeite. Behördenpost und Kontoauszüge scanne ich ein. Mein Computer liest sie mir vor. Und ich kann E-Mails lesen und schreiben und im Internet surfen. Heute kann ich mir ein Leben ohne das netz nur schwer vorstellen. Es gehört zu meinem Alltag: Ich unterhalte mich mit Menschen, ich kaufe im Web ein, ich lese meine Zeitung online. Dabei war ich nie ein typischer Computerfreak. Für mich soll ein Computer seinen Dienst tun. Ich will nicht an ihm herumbasteln oder gar selbst programmieren.

Es begann vor acht Jahren mit einem Praktikum in der PR-Abteilung einer Unternehmensberatung. Dort war das vernetzte Arbeiten über Intra- und Internet Standard. Ich musste mich in kürzester Zeit mit E-Mail-Programmen und dem Surfen im Netz vertraut machen. Damals war mir ein Begriff wie Google noch vollkommen unbekannt. Dennoch war ich schnell begeistert: plötzlich konnte ich aktuelle Artikel lesen – zunächst für das Pflichtpraktikum vor allem die Wirtschaftspresse. In Blindenschrift gab und gibt es keine Tageszeitung.

Mir war nach acht Wochen klar: Das will ich auch zuhause haben.

Ich genoss es, plötzlich mit sehenden Bekannten und Freunden auf der ganzen Welt kommunizieren zu können – wir schrieben uns E-Mails. Die Barrieren zwischen uns waren weg. Ich informierte mich über Themen, die mich interessierten. Ich kam plötzlich an Nischen-Infos über unbekannte Bands oder Landespolitik. Für mein Politologie- und Geschichtsstudium fand ich Daten und Fakten im Netz. Ich konnte selbstständig nach Literatur für meine Haus- und Diplom-Arbeit suchen und war auf weniger sehende Hilfe angewiesen. Und ich begann selbstständig zu shoppen. Ich stöberte in dem riesigen CD-Angebot von Amazon. Ich bestellte mir Drogerie-Artikel und sogar Lebensmittel ins Haus. Dabei machte ich eine ganz neue Erfahrung: Während ich im Supermarkt genau wissen musste, welche Produkte ich haben wollte, konnte ich nun aus der Vielfalt der Angebote auswählen, über Schnäppchen stolpern und Produktneuheiten entdecken.

Dabei gab und gibt es auch Hürden: Seiten, die nicht barrierefrei sind und deren Inhalt von Screenreader nicht oder nur teilweise erkannt wird, Grafiken, die nicht beschrieben sind, oder eigene Fehler beim Bedienen der Hilfsmittel. Ich musste den Umgang mit dem neuen Medium lernen, so vor allem die Bedienung der PC-Programme. Aber die Mühe lohnt sich: Das Web bringt mehr Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Mehr Wissen, mehr Teilhabe an Kultur und Gesellschaft, mehr Austausch mit Menschen.

Vieles hat sich verändert in den letzten acht Jahren: immer mehr Seiten sind heute barrierefrei. Das so genannte Web 2.0 ermöglicht mehr Dialog und Aktualität denn je. Heute arbeite ich als PR-Juniorberater für den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg. Und das Internet nimmt eine wichtige Rolle in meiner Arbeit ein. In meinem Blog schreibe ich über mein Leben als blinder Öffentlichkeitsarbeiter. Über Twitter verbreite ich Nachrichten rund um Augen-Erkrankungen, Sehbehinderung und Blindheit, und ich tausche mich mit vielen Menschen aus – über den Kurznachrichten-Dienst entstand auch der Kontakt zu den Blogpaten.

Auf unserer Vereinshomepage stellen wir die Angebote unserer Selbsthilfe-Organisation dar. Gerade für kleine gemeinnützige Vereine bietet das Web die Chance, sich kostengünstig darzustellen und mit der eigenen Zielgruppe in Kontakt zu kommen. Betroffene von Makula-Degeneration, Glaukom oder einer Diabetischen Netzhaut-Erkrankung und deren Angehörige finden unseren Verein durch die Suchmaschine Google. Spender können uns online unterstützen. Texte, Bilder und Videos machen unsere Angebote konkret. Per E-Mail und Formular kann direkt Kontakt aufgenommen werden.

Dienstlich und privat: Das Internet bietet viele Möglichkeiten. Sehbehinderte und blinde Menschen, die auf ihren Zugang zum WWW verzichten, berauben sich ihrer Freiheit und vieler Chancen. Die teuren Hilfsmittel (Braillezeile, Sprachausgabe, Vergrößerungssoftware) können in der Regel durch Krankenkassen, Sozialämter oder Arbeitsagenturen finanziert werden. Ich bin froh, dass ich mich durch den Behörden-Dschungel gekämpft habe und dass das Web ein Teil meines Alltags geworden ist.

Über den Autor:
Heiko Kunert (33) betreut die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg. In seiner Freizeit spielt er Theater. Er erblindete im Alter von sieben Jahren durch einen Tumor.

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Kommentare:

[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Blogpaten , Heiko Kunert erwähnt. Heiko Kunert sagte: Mein Gastbeitrag bei den @Blogpaten zur Bedeutung des Internets für mich: http://tinyurl.com/y95hqsm #fb [...]

Beeindruckend!
Wenn man daran denkt, wie viel Menschen allein zu Hause sitzen oder nur einen kleinen Bewegungsradius haben, weil sie seh- oder gehbehindert sind oder mehr oder weniger bettlägrig - dann müsste man wirklich dringend ein Angebot machen, das diesen Menschen das Internet nahe bringt. Für mich ist ganz eindeutig, dass Social Media-Angebote Teil sozialer Dienstleistungen sein müssten, also eine Selbstverständlichkeit im Rahmen stationärer und ambulanter Hilfen.

Liebe Brigitte,

“Für mich ist ganz eindeutig, dass Social Media-Angebote Teil sozialer Dienstleistungen sein müssten, also eine Selbstverständlichkeit im Rahmen stationärer und ambulanter Hilfen.”

Das sehe ich genau so! Danke für Deinen Kommentar.

Diese Geschichte hat mich schon sehr beeindruckt. Schön, dass das Internet für viele Behinderte so viele neue Möglichkeiten schafft. Mich wundert nur manchmal, dass gerade diejenigen, denen der Computer so eine Hilfe wäre, ihn gar nicht nutzen. Mein Eindruck ist aber vielleicht auch nicht representativ. Im Kindergarten hatten wir z.B. ein Mädchen mit taubstummen Eltern, die in einem netten Rundbrief ihre Situation schilderten und Kontakte anbahnen wollten. Als einzige Familie haben wir uns gemeldet - ein Treffen ist nicht zustande gekommen, weil sie nur per Fax mit anderen kommunizierten.
Ich halte es für sinnvoll, dass Kinder mit entsprechenden Behinderungen bereits in der Schule lernen, mit einem Computer umzugehen. Das heisst ja nicht, dass sie lange dransitzen sollten, aber sie sollten m.E. lernen, den Computer als Hilfsmittel einzusetzen. Und grundsätzlich wäre es sinnvoll, alle Schulen als integrative Schulen umzuwandeln, damit alle Kinder den richtigen Umgang mit Behinderten lernen. Meine Kinder sind auf einer integrativen Schule, ein Freund meines Sohnes ist stark sehbehindert, fast blind und es ist nicht nur für alle eine Selbstverständlichkeit, ihm zu helfen, sondern sie achten auch seine besonderen Fähigkeiten, die er dadurch hat. Gruss B.Sonnenschein

[...] vollständigen Gastbeitrag über meinen Weg ins Web finden Sie auf Bloggerpatenschaften.de. Verfasst von Heiko Kunert Eingeordnet unter Blind leben ·Schlagworte: Barrierefreiheit, [...]

[...] Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg möchte nicht mehr auf das Internet verzichten. In einem Gastbeitrag für die Blogpaten schildert er seinen Weg ins Web. Empfehlen möchte ich das Blog von Heiko Kunert, in dem er  aus [...]

[...] über “Begegnungen am virtuellen Küchentisch und von Heiko Kunert erfährt man, warum er das Internet nicht mehr missen möchte. Für Fotobegeisterte interessant: Die Österreichische Initiative Blögger will [...]

[...] bietet – zeigt eine Beitragsreihe bei den Blogpatenschaften, bei der speziell der Beitrag von Heiko Kunert – er ist blind – [...]

[...] erreichte mich eine E-Mail von Heiko Kunert mit einem Hinweis auf das Musical Blinde Passagiere. Heiko spielt in dem Stück – glaube ich [...]

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