Chancen und Verführungen der zweiten Welt
Das Internet heißt bei mir seit einiger Zeit nur noch die zweite Welt, weil es nach und nach die Realität verdrängt.
Wer hatte schon vor 20 Jahren einen Computer zu Hause?? Ich nicht, und v.a. dachte ich gar nicht daran, dass dies einmal die Voraussetzung für einen Arbeitsplatz werden könnte. Zum Glück habe ich mir gleich als erstes nach dem Auszug aus dem elterlichen Haus einen Laptop mit Internetzugang angeschafft. Das war vor 13 Jahren, als das Netz hauptsächlich zur E-Mailkommunikation und zur Informationsbeschaffung für die Ausarbeitung von Hausarbeiten, Vorträgen und Klausuren diente. Inzwischen ist es für mich so selbstverständlich geworden, morgens nach dem Aufstehen meine Mails zu checken wie der tägliche Gang zum Briefkasten, nur dass meine Tür den ganzen Tag offen steht!
Eine Tageszeitung habe ich noch nie gelesen, auch dafür nutze ich das Internet und lese nicht nur eine, sondern meistens gleich zwei oder drei. Zumindest hat das den Vorteil, dass weniger Bäume zur Papierherstellung gefällt werden müssen. Im Allgemeinen nutze ich das Netz zur Informationsbeschaffung unterschiedlichster Art, wie z.B. für Fahrplanauskünfte, Kinoprogramme, Reiseberichte, Konzertprogramme, Ärztesuche, alternative oder neue Therapieformen bei auftretenden Erkrankungen, Hintergrundwissen zu geschichtlichen Themen oder zur Schließung von Wissenslücken (Wikipedia) usw.
Nachdem ich im letzten Jahr eine erschütternde Krankheitsdiagnose (Brustkrebs) bekommen hatte und die Ärzte mich am Telefon darüber informiert hatten, war das Internet meine erste Anlaufstation und half mir über den ersten Schock, Tränen und Todesängste hinweg. Ich habe Berichte Betroffener gelesen und mich über den Behandlungserfolg verschiedener Methoden informiert, sogar eine Checkliste und einen Fragenkatalog erarbeitet, mit denen ich in die ärztlichen Gespräche ging und so feststellen konnte, ob Arzt und Einrichtung auf dem neuesten Behandlungsstand sind. Hatte man sich früher auf die Aussagen der Ärzte verlassen müssen, kann man sich nun - dank des Internets - sein eigenes Bild machen und kritisch die Nebenwirkungen und Behandlungserfolge miteinander abwägen. Das nenne ich einen wesentlichen Vorteil, der mich auch gleich zum nächsten führt, den Blogbeiträgen. Um meine Eindrücke, Ängste, Erfahrungen und Gefühlszustände zu verarbeiten, habe ich einen Blog über die Erkrankung und meine Behandlung geschrieben. So konnte ich mich dem Thema widmen, wann immer mir danach war oder eben auch nicht, und all meine Angehörigen hatten wiederum die Möglichkeit sich darüber zu informieren, wann immer ihnen danach war, ohne mich mit ihren vielen Fragen zu nerven!
Das Bloggen ist mir eine Freude geblieben und ich freue mich über die Vielfältigkeit der Themen und die Möglichkeiten, die ein solcher Blog doch bietet. Ihr wisst selber am Besten wovon ich rede, denn sonst währet ihr jetzt nicht am Lesen dieses Beitrages ;).
Während meines letzten Urlaubs in Argentinien habe ich einmal mehr erfahren, wie abhängig ich inzwischen vom Internet geworden bin. So befand sich nicht nur das Notebook bei mir im Gepäck, sondern ich nutzte jede Gelegenheit in Cafés, Hostels und sogar an Busstationen, mich mittels WiFi ins Netz einzuloggen. Was ich dann gemacht habe??? Zum einen habe ich meine nächste Reiseroute zusammengestellt, Unterkünfte und Flüge gebucht und zum anderen habe ich mich bei der täglichen Arbeit in meinem virtuellen Aquarium entspannt, wo ich Fische füttern, trainieren und paaren kann. So wurde ich schneller als ich je gedacht habe zum Spieler, mit Fischen im virtuellen Aquarium. Während ich das schreibe, komme ich mir selber ganz schön doof vor. So wollte ich nie enden und ich kann nur hoffen, dass das nach meinem Urlaub ein Ende hat.
Dessen wiederum bin ich mir ganz sicher, denn im Arbeits- und Alltagsleben fehlt einem ja zum Glück die Zeit für solche Dinge. Außerdem möchte ich mich lieber meinem Walschutzprojekt widmen und die Stiftung Firmm unterstützen. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir vorgenommen, EU Spendengelder zu bekommen für die Finanzierung einer Wal- und Delfinpflegestation (siehe Blogbeitrag). Ohne Internet wäre dieses Vorhaben undenkbar, denn ich benötige es zur Recherche und natürlich zur Kommunikation mit der Stiftung, die in Spanien sitzt. Ein Lob an Skype, MSN, Facebook und ICQ!
Und natürlich benutze ich das Internet auch auf der Arbeit, am Wochenende, bei Freunden, nur mein Handy hat es zum Glück noch nicht infiltriert! Das bleibt auch so, denn irgendwie will man ja auch mal seine Ruhe haben.
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liebe ina
ich sehe das ein wenig kritischer, denn es gibt ja auch viele schattenseiten des internets und nicht jede geht mit der ressource so gesetzesneutral um, wie du und ich. um nur einige schattenseiten zu nenne:
man verabredet sich kaum noch, sondern kommuniziert nur noch per mail oder chat; man schlüpft in virtuelle welten und gibt sich andere (spieler)identitäten. man schaft sich kein echtes aquarium an, sondern ein virtuelles, gewalt und schieß-spiele sind auf dem vormarsch. es geht sogar bis hin zum virtuellen partnertausch und zum abrufen einer anleitung zum bombenbau, lehrer werden von schülern denunziert und kaum noch kinder spielen auf dem hof. ich könnte diese liste noch ewig fortsetzen, aber ich denke, dass auch allen anderen weitere beispiele einfallen.
ich befürchte, dass der mensch nach und nach den realitätsverlust verliert und nur noch mit dem rechner kommuniziert. es ist ja viel einfacher und bequemer!
Liebe Rike,
Du meinst “den Realitätssinn verlieren”, oder? Nein ich sehe das ganz und gar nicht so kritisch, wie Du. Natürlich gibt es eine Tendenz zur Sucht aber die gibt es genauso bei Schokolade.
Was Du zu Deinem Blog und Krankheitsbewältigung schreibst, scheint einen ganz neuen Aspekt mit sich zu bringen, den ich vorher noch nicht gesehen hatte. „So konnte ich mich dem Thema widmen, wann immer mir danach war oder eben auch nicht…“ Dieses „oder eben auch nicht!“ scheint wichtig gewesen zu sein, sowohl für Dich als auch für Deine Verwandten und Freunde. Das Blog hatte in dem Fall auch eine Art „Pufferfunktion“ – kann man das so nennen?
uupps, kleiner tippfehler, natürlich meine ich das ;)
ja, der blog hatte eine pufferfunktion. er ermöglichte es mir, eine geschichte nur einmal zu schreiben und sie zu verbreiten, anstatt sie 20 mal den unterschiedlichsten personen runterzubeten. es ist unglaublich wichtig freunde zu haben, die sich nach dem befinden erkunden, aber nach einer 5stündigen infusion mit giftigen chemikalien, hat man einfach keine lust, 10 mal bericht abzugeben. da war der blog einfach hilfreich. ebenso hat er mir ungemein geholfen, mein schicksal und meine damit verbundenen wehwehchen zu verarbeiten. ich habe mich teilweise selber betrauert oder veralbert, ganz nach stimmungslage. und nicht zu vergessen, all die lieben kommentare von freunden, die mir halfen tapfer zu bleiben!!
ich hoffe nur, dass ich weiteren betroffenen damit helfen kann!
[...] wie Rike Beckmann in dem Artikel »Chancen und Verführungen der zweiten Welt«. Ist das Internet eine zweite Welt und verdrängt nach und nach die Realität? Mitnichten, [...]
Ist das Internet eine zweite Welt und verdrängt nach und nach die Realität?
Ich denke daß derjenige der sich nicht mit dem Internet beschäftigt, irgendwann neben der Realität steht.
so kann ich heute in Echzeit kommunizieren, mit Google Earth Orte anfliegen in Wikipedia mir dazu die Länder Infos beschaffen. Erklärungen rufe ich auf Videoportalen ab Bin begeistert von den heutigen Möglichkeiten.
[...] Hier im Blog: Gastbeitrag von Susanne Wiest: Unser neues Demokratiemedium Gastbeitrag von Horst Sievert: Senioren lernen Online - Lernen, Erfahrung tauschen, Hilfe erhalten Gastbeitrag von Rike Beckmann: Chancen und Verführungen der zweiten Welt [...]





Liebe Rike,
vielen Dank für Deinen interessanten Bericht. Dein erster Satz hat mich zunächst irritiert:
“Das Internet heißt bei mir seit einiger Zeit nur noch die zweite Welt, weil es nach und nach die Realität verdrängt.”
Bei mir ist das nämlich nicht so. Für mich ist das Internet einfach eine erweiterte Welt, keine zweite, die parallel läuft. Das geht ineinander über. Wenn ich via Chat was bespreche, ist das für mich eben auch Realität.