52 Dienstage: Ein Frauentagebuch entdeckt das Internet
Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch “52 Dienstage - Ein Frauentagebuch“, geschrieben von 51 Frauen (und einem Ehemann) an 52 Dienstagen des Jahres 2005. Herausgeber ist der Verein Lebendiger Leben! e.V., bei dem Sie das Buch erwerben können.
Geschrieben am 8. März 2005:
Tage wie dieser bestimmen im Moment mein Leben: Nichts Dringendes wartet, kein Termin und die Freiheit zu tun, was ich will… Na ja, insofern dieses Tun kein Geld kostet… Mein Wecker klingelt nicht halb sechs und auch nicht um neun, nein selbst um zwölf würde er schweigen – ich stehe auf, wenn sich meine Augenlider von selbst gen „oben“ bewegen.
Wozu soll ich morgens aufstehen? Vormittags sind eh alle, die ich kenne - zugegebenermaßen nicht viele, aber dafür sehr innige Beziehungen - arbeiten, und ich kann nicht an jedem Tag die häuslichen Ecken nach Staubkörnern durchforsten. Was für ein Unsinn wäre das! Dann müsste ich nur noch das Rauchen aufgeben und hätte schnellstens eine Suchtverschiebung erreicht, um dem Kind einen Namen zu geben. Nein, da gehe ich lieber den Tag an, wann ich will und ganz entspannt.
Sorge macht mir nämlich lediglich die Aussage anderer Leute, wenn sie hören, wie ich lebe, und sie mir erzählen: Das könnte ich nicht! Ach nein? Ich ja! Aber wie gesagt, sie schaffen es zumindest, dass ich darüber nachdenke, dass sich so etwas wie ein schlechtes Gewissen einstellt. Wie kann ich dieses wieder zum Weichen bringen? Sind wir denn alle gleich?
Und es ist ja nicht an dem, dass ich nur noch mich sehe, dass ich versinke in Depressionen oder einfach keine Lust habe. Im Gegenteil: Ich fühle mich ausgelastet, mache Dinge, die meinem Geist gut tun, kümmere mich um Menschen in meiner kleinen Welt und nehme teil an den Freuden der Gesellschaft. Wobei ich letztere meistens nicht mehr verstehe. Was manchen Freude bereitet, ist für mich nicht nachvollziehbar und veranlasst mich lediglich zu einem scheelen Blick. Aber wir sind verschieden, und ich bin manchmal einen Schritt weiter.
Ohne überheblich wirken zu wollen, aber jede unserer Frauen [Anm. Frauen, die an dem Projekt beteiligt waren] wird es bestätigen können, wenn sie ihren Verstand nicht verschlossen hat. Eine schwerwiegende Erfahrung – dazu gehört auch ein erkrankter Körper – schränkt nicht nur ein, nein, vielmehr ist sie auch ein Schlüssel, um tiefer sehen zu können, sensibler zu werden und über dem täglichen Kampf gegen die Erkrankung, gegen Schnelllebigkeit (der eigentliche Grund für die Bezeichnung einer Krankheit als „Behinderung“), gegen Vorurteile – kurzum alles das, was für uns inzwischen normal ist – wird man selbst als Person stärker als alle, die niemals vom Schicksal getroffen wurden.
Ich jedenfalls sehe mich so. Ich wachse an meinem persönlichen „Unglück“. Ich habe Tiefschläge und schlechte Tage, aber im Großen und Ganzen bin ich fast dankbar, diese Erfahrung machen zu dürfen, anders zu sein und für Akzeptanz zu kämpfen. Jeden Tag arbeite ich ein kleines bisschen an den Menschen, die mir begegnen. Jeden Tag habe ich ein mitleidiges Lächeln für Ignoranten, ein wissendes Lächeln für andere „Kämpfer“, die mir begegnen und ein freundliches Lächeln für die, die genau so offen durch die Welt gehen.
Ich bin geboren, das gute Gefühl in mir zu erhalten und weiterzugeben. Geld ist wichtig, aber nicht das Höchste. Wenn ich sterbe, kann ich weder Geld noch Gut mitnehmen, aber ich kann gute Gefühle zurücklassen, die weitergetragen werden und so fortbestehen, wenn ich lange vergessen bin. Das ist meine Motivation, das hat mich getragen und wieder auf die Beine gebracht, das sorgt dafür, nicht mit meinem Schicksal zu hadern, und das ist momentan meine Aufgabe.
Und dazu brauche ich nun wirklich keinen Wecker…
(Text gekürzt)
Autorin: Anja D., Dresden; *1974, ledig, Erzieherin und Kreativpädagogin, berufsunfähig infolge einer Hirnblutung. Hobbys: Design/Nähen von Bekleidung, Künstlerisch-Kreatives; Lesen klassischer Literatur (z.B. Dostojewski) und Musik hören (Elektronisches, Reggae, Jazz), Tanz und Bewegung, Theaterbesuche
Im Vorwort zum Buch schreibt Angelika Weirauch:
Die im Buch versammelten schreibenden Frauen sind fast alle Vereinsmitglieder oder dem Verein in anderer Weise verbunden: als regelmäßige oder sporadische Veranstaltungsbesucherinnen, als aktuelle, frühere oder ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, als Spenderinnen, ideelle Unterstützerinnen, frühere Praktikantinnen, ausstellende Künstlerinnen, als Beratene und Beratende …
Es sind Frauen der Geburtsjahrgänge 1915 - 1974 vorwiegend aus Dresden und der näheren Umgebung (Radebeul, Pirna), aber auch einige aus anderen Orten Sachsens (Flöha, Niederlausitz) und einige “Fortgezogene”, die uns aber verbunden geblieben sind. Alle Schreiberinnen eint, dass sie behindert sind: körperlich oder seelisch, seit Geburt oder seit einem Unfall, durch eine chronische Krankheit oder durch einen “Blitz aus heiterem Himmel”. Manchen Tagebuchberichten ist anzumerken, dass die Behinderung oder Krankheit das Leben stark prägt, bei anderen wiederum kommt eine solche Vermutung nicht auf.
Genau das soll die Veröffentlichung: Andere Menschen merken zu lassen, wie normal das Leben auch mit Behinderung ist - wie schön, wie schrecklich, wie reich an Erlebnissen und Kontakten, wie vielfältig, wie geprägt von Familie und FreundInnen, wie eingeschränkt und wie abhängig von Alltagserlebnissen, von Stimmungen und von großer und kleiner Politik.
Aufruf:
Wer möchte eine weitere Alltagsschilderung aus „52 Dienstage“ veröffentlichen und damit dazu beitragen, diese Themen sichtbarer zu machen? Alle beteiligten Beiträge werden gegenseitig verlinkt. Ich lade hiermit auch die Autorinnen der „52 Dienstage“ dazu ein, das Bloggen einmal auszuprobieren. Weitere Infos bitte bei mir über das Kontaktformular erfragen. Der Aufruf wurde bisher vernetzt bei: Upload-Magazin, SMCCV…
Weitere Beiträge:
11. Januar 2005 - Autorin: Erika Knobloch
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[...] “52 Dienstage – Ein Frauentagebuch” geschrieben von 51 Frauen (und einem Ehemann) an 52 Dienstagen des Jahres 2005. Herausgeber ist der Verein Lebendiger Leben! e.V., bei dem Sie das Buch erwerben können. Hier finden Sie einen Auszug aus dem Buch: Link zu Blogpatenschaften. [...]
[...] Unter dem Titel “52 Dienstage” ist ein Frauentagebuch der besonderen Art entstanden, das man beim Verein Lebendiger Leben! kaufen kann. Nun soll es Geschichte für Geschichte auch in Blogs überall im Netz veröffentlicht werden. Wer gibt einer Geschichte eine Heimat in der digitalen Welt? Alle Beiträge werden dann miteinander verlinkt. Im Vorwort des Buchs heißt es erklärend zum Inhalt: “Alle Schreiberinnen eint, dass sie behindert sind: körperlich oder seelisch, seit Geburt oder seit einem Unfall, durch eine chronische Krankheit oder durch einen “Blitz aus heiterem Himmel”. Manchen Tagebuchberichten ist anzumerken, dass die Behinderung oder Krankheit das Leben stark prägt, bei anderen wiederum kommt eine solche Vermutung nicht auf. Genau das soll die Veröffentlichung: Andere Menschen merken zu lassen, wie normal das Leben auch mit Behinderung ist (…).” Weitere Infos dazu hier bei den Blogpaten. [...]
Kompliment an die Frauen. Das ist ein sehr wichtiges und mutiges Projekt. Ich wünsche Euch, dass hier nicht nur gelesen, sondern auch kommentiert wird. Aus eigener Erfahrung kenne ich es, dass man sich, sobald es einem besser geht, gar nicht mehr mit dem Thema Kranksein beschäftigen mag, solche Themen werden nur zu gern verdrängt.
[...] erste Online-Veröffentlichung eines Tagebucheintrages, welches in Print-Form im Jahr 2005 entstanden ist, gibt es ja schon. [...]
[...] im Blog: Projekt: 52 Dienstage: Ein Frauentagebuch entdeckt das Internet Projekt: Benin Gastbeitrag: Horst Sievert - Senioren ins Netz? Vom Auto lernen. Gastbeitrag: [...]
[...] 8. März 2005 - Autorin: Anja Damme veröffentlich bei Blogpatenschaften.de [http://www.bloggerpatenschaften.de/52-dienstage-ein-frauentagebuch-entdeckt-das-internet/] [...]
[...] Bisher online veröffentlichte Beiträge: 11. Januar 2005 – Autorin: Erika Knobloch 8. März 2005 – Autorin: Anja Damme [...]
Geschrieben am 30. August 2005…
Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch “52 Dienstage - Ein Frauentagebuch“, geschrieben von 51 Frauen (und einem Ehemann) an 52 Dienstagen des Jahres 2005. Herausgeber ist der Verein Lebendiger Leben! e.V., bei dem Sie das Buch erwerben k…
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[...] Eine schwerwiegende Erfahrung ist auch ein Schlüssel, um tiefer sehen zu können Gepostet von: Ina ( Alle Beiträge )Veröffentlicht: 30. Juli 2009 - 9:37Quelle: http://www.bloggerpatenschaften.de [...]